»Zeitbewusstsein ist ein Bewusstseinszustand, in dem die Welt und das eigene Leben in einem zeitlich abstrakten Rahmen erfahren wird.« Was klingt wie ein Wikipedia-Eintrag ist es auch. Zeit ist etwas Individuelles. Sie kann schnell vergehen – wenn du gerade Erdnussküchlein verschlingst oder mit jemandem spielst. Oder sie vergeht quälend langsam – wenn du dir am Stacheldraht deine Brust aufreißt und wartest, bis dich jemand findet. Aber weißt du, was das Beste an Zeit ist? Nicht an sie zu denken.

Auf unserem Hof gibt es keine –

»Kikeriki!«

Was war das denn bitte? Ich reiße die Blätter vom Busch, an dem ich mich eben noch genüsslich laben wollte, als mich dieses Geräusch aufschreckt und herumfahren lässt.

Sunita trabt mit einem Büschel Blumen im Maul zu mir, als hat sie nicht dieses ätzende Geräusch gehört, das immer noch in meinen Ohren nachklingt. Sie wippt bei jedem Schritt mit dem Kopf hin und her wie das Pendel der alten Uhr in der Stube des Bauern. Zumindest als sie noch funktioniert hat.

»Die Wiese hinter dem Haus blüht ganz gelb«, erzählt Sunita schmatzend. Der Löwenzahn verschwindet zwischen ihren schiefen Zähnen. Ich kann Löwenzahn nicht ausstehen und knabbere lieber an handelsüblichem Gras. Zumindest mag ich ihn nicht mehr, seit der Appetit darauf der Grund dafür war, dass ich den Stacheldraht übersehen habe.

Bevor ihr euch Sorgen macht: Es geht mir gut. Es hat zwar einige Wochen und zahlreiche Gebete gedauert – jemand aus der Kirche hat mich damals gefunden – aber alles ist wieder gut. Seitdem wohne ich auf diesem Hof und habe in Sunita schnell eine gleichgeziegte gefunden.

»Hast du das auch gehört?« Immer noch auf der Suche nach der Ursache des krächzenden Geräusches lehne ich mich zur Seite, um an Sunita vorbeizusehen. Nicht, dass es da etwas anderes zu sehen gäbe als den Hof und die Wiese.

Sunita dreht sich einmal um sich selbst und statt einer Antwort beugt sie sich nach unten und rupft einen Büschel Gras aus dem Boden. Als wollte sie immer etwas im Maul haben, wenn sie spricht, mampft sie jetzt: »Was?«

»Dieses Klickari.« Ich habe schon wieder vergessen, wie sich das Geräusch angehört hat, auch wenn es immer noch in meinem Kopf nachhallt. Ätzend krächzend und heiser, auf jeden Fall nervtötend.

Sunita wiegt den Kopf von einer Seite zur anderen. Ich ertappe mich dabei, wie ich ihre Kopf-Gleichgewichtsstörungen darauf schiebe, dass ihr die Hälfte eines Ohrs abgerissen ist. Eine spektakuläre Geschichte mit einer Verfolgungsjagd, einer ausgerissenen Ohrmarke, einem blutigen Massaker. Aber das soll sie lieber selbst erzählen. Jetzt erzählt sie aber erstmal: »Der Bauer ist grade heimgekommen.«

Damit beantwortet sie meine Frage erstmal kein bisschen. An meinem unnachgiebigen Blick erkennt sie wohl, dass mir das nicht reicht, deshalb ergänzt sie: »Mit einer Transportbox.«

Es passiert manchmal, dass unser Bauer auf seinem Lader eine leere Box mitnimmt. Und manchmal kommt er damit heim und es ist etwas drin. Einmal war das ich.

»Er hat einen neuen Mitbewohner dabei«, bestätigt Sunita den Gedanken, den ich noch nicht fertig gedacht habe.

Gemeinsam traben wir Richtung Hof zurück, wo sich die anderen Bewohner bereits neugierig um den Neuen versammeln, als führt er irgendwelche Kunststücke auf. Kein Witz, wir hatten hier auch schon mal ein Zirkuspferd. Aber diesmal ist es kein Pferd. Auch keine dritte Ziege – obwohl ich ab und zu gern andere Ansprache als Sunita hätte – sondern ein Vogel. Ein ziemlich dicker Vogel, auch wenn er an einem Flügel kaum Federn hat.

»Bist du hier, weil du nicht mehr fliegen kannst?« Ich bin mir nicht sicher, ob Mieze Miras Frage auf Interesse beruht oder weil sie gern Vögel aus ihren Nestern und den kleinen extra angebrachten Häuschen fischt, wenn sie auf die Obstbäume im Garten klettert. Dass sie sich über die Nase leckt, bilde ich mir bestimmt auch nur ein, schnell wendet sie ihre komplette Aufmerksamkeit ihrer Pfote zu, als sei ihr eine Antwort ohnehin völlig egal. Das macht sie manchmal. Eben jagt sie noch einem Schmetterling hinterher und plötzlich lässt sie sich auf den Boden fallen und tut so als gäbe es nichts Spannenderes, als das eigene Fell zu putzen.

Der partiell federlose Vogel räuspert sich, seine Heiserkeit ist trotzdem nicht zu überhören. »Hähne können nicht fliegen. Nicht weit zumindest. Haushühner können je nach Rasse unterschiedlich wenige Meter weit fliegen, sind aber bodenorientierte Vögel.«

Aha, noch jemand der aus Wikipedia zitieren kann? Der Neuankömmling könnte mir sympathisch werden.

»Nein, tatsächlich bin ich hier, weil ich aus einer ganz unzureichenden Haltung stamme. Zwar möchte ich mich wahrlich nicht beklagen, immerhin hatte ich stets zahlreiche Damen um mich gescha- Kikeriki!« Wie bei einem Schluckauf bricht der Neuankömmling mitten im Satz ab, bäumt sich auf und kreischt los, dass wir alle um ihn herum zusammenzucken und Mira sogar schnell unter dem Lader Deckung sucht. »Entschuldigung.« Er schüttelt sein Gefieder glatt und räuspert sich – wieder erfolglos. »Eine lästige Angewohnheit, die in meiner bisherigen Behausung jedoch sehr geschätzt wurde. Es muss jetzt exakt sechzehn Uhr sein und keine Minute später.«

Sunita ist die Erste, die ihre Fassung zurückerlangt. Wobei ich eher glaube, sie ist die Einzige, die sie nicht verloren hat. »Also bist du sowas wie ein Wecker?«

Der Vogel zuckt mit einer beängstigenden Geschwindigkeit den Kopf zu ihr. »Üblicherweise werde ich Pablopollo genannt. Die Bezeichnung Wecker ist bisher nicht angewandt worden. Solltest du auf meinen punktgenauen Hinweis auf die Uhrzeit anspielen: Ja, meine innere Uhr ist fabelhaft.«

»Das ist gut«, jubelt Sunita.

»Das ist schlecht«, murmle ich.

»Die Pendeluhr des Bauern ist seit Wochen kaputt, seitdem orientieren wir uns nur am Fernsehprogramm, wenn unser Hengst oder die Mieze den Fernseher durch das Fenster beobachten können.« Sunitas Begeisterung ist kaum zu übersehen, sie hüpft sogar zwei, drei Mal, bis sie bemerkt, dass sie das seit ihrer Knieverletzung vielleicht nicht mehr so häufig tun sollte. »Du kannst uns also immer sagen, wann Futterzeit ist?«

»Das merken wir auch, wenn der Bauer mit dem Eimer raus kommt«, werfe ich ein, aber werde überhört, weil Pablopollo weiterredet und seine krächzende Stimme meine übertönt: »Wenn er es zur vollen Stunde bringt, bin ich in der Lage.« Er plustert sich auf, beinahe so als ist er stolz, hier eine Funktion zu haben. Mehr zu sein als nur ein Vogel mit ausgefallenen Federn an einem Flügel.

Es geht noch eine Weile so hin und her. Einer der Hunde interessiert sich nur dafür, was er erzählen wollte, als er von »zahlreichen Damen« geredet hat – unsere Rüden beklagen sich schon seit Wochen, dass sie endlich wieder eine Hündin im Rudel wollen – und der Hengst will wissen, ob er aus seiner Mähne dieselbe Frisur wie der Hahn machen könnte. Wie üblich stellt niemand die richtigen Fragen. Wie etwa, ob man dieses Gekreische auch abstellen kann?

Für alle, die lieber hören, statt lesen, gibt es auch eine Online-Lesung der Kurzgeschichte. Ansonsten, unten weiter im Text.

Ein paar Tage lang mache ich es mit. Auch wenn ich jedes Mal zusammenzucke, wenn Pablopollo uns die volle Stunde ankündigt. Und das macht er wirklich gewissenhaft. Egal ob am frühen Nachmittag oder spätnachts. Mira und er testen es sogar mal anhand des Fernsehprogramms. Die 20-Uhr-Nachrichten trifft er, ohne zu spicken. Und auch den Wecker um fünf Uhr morgens übertönt er gekonnt. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich das freut. Weil es das nämlich nicht tut.

Auf unserem Hof gibt es keine Zeit. Zumindest war das lange so und das hat mir eigentlich ziemlich gut gefallen. Aber dieses Tier hat die Zeit zu uns gebracht. Und irgendjemand muss etwas dagegen unternehmen. Und bisher hat ein freundliches Gespräch noch immer geholfen. Ob es darum ging, dass Mira aufhören sollte Sunita bis zum Erstarren zu erschrecken oder der Hengst nicht unseren Lieblingsbusch anknabbern sollte. Eigentlich haben wir Ziegen den Hof hier gut im Huf. Also bekomme ich das bestimmt auch bei Pablopollo hin.

»Eine sehr durchdringende Stimme hast du da.« Kritik startet man immer mit einem Kompliment. Erste Feedback Regel. Und das ist ein sehr diplomatischer Einstieg, würde ich behaupten.

Pablopollo, der eben noch am Boden nach Würmern oder Käfern gepickt hat, schnellt zu mir hoch. »Herzlichen Dank.« Wieder plustert er sich auf und schüttelt anschließend die Federn aus. »Übung und strenge Disziplin.«

»Wir stehen hier nicht so auf Disziplin.« Ich-Botschaften, ganz wichtig beim Üben von Kritik. In diesem Fall gilt auch die Wir-Botschaft, immerhin verhindere ich dieses ekelhafte Geräusch ja nicht nur aus Eigennutz. »Eigentlich stehen wir hier sogar eher auf Ruhe.«

Pablopollos Kopf zuckt hin und her und er starrt mich abwechselnd mit einem seiner Augen an. »Ein geeignetes Plätzchen für ein bisschen Stille. Wenn ich mich recht erinnere ist der nächste zivilisierte Ort mehrere Fahrminuten entfernt. Wunderbar, wirklich wunderbar lebt es sich hier.«

»Wie wäre es dann, wenn du die Klappe hältst?« Ich kann mir das Meckern nicht verkneifen, ganz gleich wie konstruktiv ich ihn kritisieren will. Aber das liegt nun mal in meiner Natur. »Ich meine, könntest du es unterlassen zur vollen Stunde zu krähen?«

Wieder eilt sein Kopf zuerst nach links, dann nach rechts, er wirkt gestresst – kein Wunder, wenn in ihm ständig die innere Uhr tickt – und schließlich sagt er: »Natürlich, kein Problem.«

Das war ja leicht.

Ich schnaube anerkennend und wende mich ab, um zurück zu meiner Lieblingswiese und Sunita zu traben, da erschreckt mich ein krächzendes, ätzendes, heiseres: »Kikeriki!«

Ich drehe mich zu dem Hahn um scharre mit dem Huf auf dem Boden. Reflexartig beuge ich den Kopf nach vorne, bin jederzeit bereit, den Vogel vor mir mit der Stirn durch den Hof zu stoßen. Mit aufeinandergepressten Zähnen und bemüht freundlichem Ton gebe ich ihm aber eine Chance: »Ich dachte, du wolltest damit aufhören?«

»Nicht mehr zu jeder vollen Stunde«, betont er und flattert mit den Flügeln. »Aber wir haben jetzt exakt dreieinhalb Minuten vor.«

Wie entstand die Kurzgeschichte “Dreieinhalb Minuten”?

Das Schreiben hat in den vergangenen Monaten immer weniger Platz in meinem Alltag eingenommen. Habe ich zum ersten Lockdown noch ein Jugendbuch und ein Ausgangssperre-Tagebuch geschrieben, ist über das restliche Jahr nur eine Kurzgeschichte für eine Anthologie entstanden. Eigentlich will ich mich gar nicht beschweren. Dass ich kaum schreibe, liegt mit daran, dass viele Aufträge reinkommen und ich gut beschäftigt bin. Nur … wollte ich mich nicht unter anderem auch deshalb selbstständig machen, um mich wieder mehr meinen eigenen Projekten widmen zu können? Aber gefühlt muss, bevor ich mich an meine Texte setze, alles andere erledigt sein. Aber es ist nie alles andere erledigt. Klarer Fall von Prokrastination oder Schreibblockade?

Auch weil ich selbst gerade etwas im Alltag feststecke und die Kreativität manchmal verpasse, habe ich die „Wie geht eigentlich … Inspiration“ Reihe angefangen. Und: Sie hilft. Gleich die erste Methode „Kalenderblatt“ hat diese Geschichte quasi von selbst entstehen lassen. Und das macht Mut. Weil obwohl ich aus dem Schreiben raus bin, weiß ich, wie ich wieder zurückkommen kann. Und vor ein paar Tagen habe ich dann sogar einen neuen Roman angefangen.

Wie entstehen deine Kurzgeschichten?

Ein Spaziergang, eine Nachricht aus der Tageszeitung oder der skurrile Mann vor dir in der Supermarktkasse – was inspiriert dich zu deinen Geschichten? Erzähl mir in den Kommentaren gerne, woher du die Inspiration für deine Texte nimmst.

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